Leseproben

aus:
Mecklenburg-Vorpommern
Mit Faltboot, Fahrrad und zu Fuß

1. Leseprobe

Die Nacht hinterlässt ein eckiges Gefühl. Zelt an Zelt mit drei unerwünschten Fremden formt keine Harmonie. Atem, Husten, Gebrabbel, Geräusche. Um Mitternacht wurde mit lautem Ratsch ein Zeltreißverschluss geöffnet. Schritte waren auf dem weichen Waldboden nicht zu hören, aber es dauerte nicht lange und dann plätscherte es. Im Halbschlaf dachte ich: da pinkelt einer in die Havel. Morgen früh wird nicht mehr gebadet.

Um sieben bin ich auf dem Wasser, während die Flecktarntruppe noch in den Zelten fläzt. Ich will zügig fort, will keine Diskussionen. Der gesellige Typ hatte gestern noch Andeutungen gemacht, dass er es „toll” fände, gemeinsam weiter zu paddeln. Ein absurder Gedanke – er, der Kanubursche, der Kajakbursche und ich, als harmonisches Paddlerquartett in der mir Seelenfrieden versprechenden Wasserlandschaft. Mir bliebe keine ruhige Minute. Gut, die Jungs würden wahrscheinlich ihr Ding machen, aber der „Alte” würde mir hundert Löcher in den Bauch fragen oder mir von früh bis spät seine Lebensgeschichte erzählen. An beidem hatte ich kein Interesse. Ich suchte keinen Familienanschluss. Und als Laien-Therapeut oder unbezahlter Zuhörer war ich nicht unterwegs. Ich wollte die Natur genießen. Allein. Alles andere gab es, wenn ich wollte, zuhause.

Bis zur Schleuse Steinhavel vergehen nur zehn Minuten. Die Tore stehen offen. Weder Yachten noch Paddler sind zu sehen. Meine einzige Begleitung ist eine Entenfamilie, die sich am Schleusenausgang sammelt und dort zwischen den zahmen Wasserwirbeln schnatternd hin und her schwimmt. Der Schleusenwärter sagt: „Sie nutzen den Fahrstuhl jeden Tag – morgens hin, abends zurück.” Gemeinsam mit den aufgeregten Entlein werde ich eineinhalb Meter emporgehoben.

Vorbei an einem alten Mühlengebäude führt mich die Havel nach Steinförde, dem westlichsten aller Fürstenberger Ortsteile. Von der steinernen Furt, die dem Ort den Namen gab, ist nichts zu sehen. Ich unterquere eine Straßenbrücke und passiere den offiziellen Biwakplatz. Dann lasse ich Steinförde und das Fürstenberger Gebiet hinter mir und entschwinde in die unbebaute Flusslandschaft.

An diesem frühen Morgen bin ich hier der einzige Mensch auf dem Wasser. Lichtblauer Himmel. Dichtgrüne Ufer. Natürliche Stille. Ein behutsamer Zug mit dem Paddel und OL FINN gurgelt leise dahin. Nur ich und mein Boot und die Havelidylle. Ein paradiesischer Moment. Für solche Augenblicke bin ich unterwegs. „Die einzige Welt, in der einer ganz er selbst sein kann, ist die Natur”, schrieb Pasternak. Heute Morgen fühle ich mich als ein Teil von ihr. Was kann einem, der dem großstädtischen Alltag entflieht, vollkommeneres Glück bescheren?

Mit jedem Paddelschlag wird die Havel breiter. Links und rechts ragen Schilfinseln ins Wasser. Ich gelange in den Menowsee, den ich nach dreihundert windigen Metern aber schon wieder in das nächste Havelstück verlasse.

Das erste Boot tuckert mir entgegen. Ein kleines Kajütboot. Weißer, polierter Rumpf, niedriger Aufbau, viel Holz, schlanke Linien. Im Cockpit zwei ältere Herren. Sie winken herüber, ein jeder seinen Hut in der Hand. Ihre Kopfbedeckung: eine Kreissäge. Dieser unverwechselbare Strohhut – kreisförmig, mit gezacktem Rand und Hutband – galt in den zwanziger Jahren als Statussymbol der Gentlemen. Ich erinnere mich an das Hipsterpärchen und stelle fest: Strohhüte sind „in” auf der Havel.

Zu Beginn des Ziernsees überquere ich die Landesgrenze. Eine dünne, gestrichelte Linie in meiner Wasserwanderkarte gibt den Hinweis. Ab hier bin ich in Mecklenburg-Vorpommern unterwegs. Am Ufer bastelt ein Angler an seiner Köderfischmontage. Zanderrevier, wie ich erfahre, doch die Stachelritter beißen heute nicht. Ich paddle weiter. Und denke nach. Eigentlich ist der Angler wie ich. Zur frühen Stunde ist er hier und will seine Ruhe, will mit niemandem sprechen. Doch dann kommt ein Faltbootkapitän, spricht ihn an und vertreibt ihm auch noch die Fische. Wahrscheinlich wird er heute noch öfter in seiner selbstgewählten Einsamkeit gestört und gefragt „ob die Fische beißen”. Ich werde nie mehr einen Angler ansprechen. Ab sofort sind sie Brüder (und Schwestern) im Geiste.

In immer kürzeren Abständen schlagen mir jetzt Böen entgegen. Ich suche Deckung am Westufer. Das gelingt, zumindest eine Viertelstunde, dann biegt der See nach Südwesten ab und ich bin schutzlos. Querwärts prustend schiebt mich der Wind zum Ufer hin. Um nicht im Röhricht zu stranden, halte ich dagegen, mit druckvollen Paddelschlägen und durchgedrücktem Fußsteuer. Einen knappen Kilometer währt die Anstrengung, dann erlöst mich der nächste Havelabschnitt.

An den Ufern ragen hohe Laubbäume empor. Fast stehen sie im Fluss. Im Hintergrund: Nadelhölzer, noch höher. Eine schattige Passage. Dunkel und windstill. Die Wasserfläche ist spiegelglatt. Mir fallen die wiederkehrenden Gegensätze auf: bewegtes Wasser und frischer Wind auf den Seen, Windarmut und blankes Wasser auf den Kanalstücken. Die scharfen Kontraste erzeugen Abwechslung in der blau-grünen Einmütigkeit.

See für See wird heute abgehakt. Menowsee, Ziernsee und jetzt: Ellenbogensee. Ich blicke auf vertrautes Panorama. Schilfufer, Bäume und Grün soweit das Auge reicht. Der Karte entnehme ich: Die Form des Ellenbogensees ähnelt einem „Z”. Im Süden ein Knick, im Norden eine lockere Biegung. Auf sieben Kilometern Länge wird er nur 400 Meter breit.

Im Knick entdecke ich einen Campingplatz. Das bewaldete Gelände liegt auf einer Anhöhe. Unten, in Wassernähe, stehen Zelte. Die Lage gefällt mir. Ein lichtes Kiefernwäldchen, Zeltwiesen, der langgestreckte Hügel. Nur: der Paddeltag ist zu jung, um ihn hier zu beenden. Und so folge ich dem Seeverlauf gen Norden.

Die Windrichtung ist Nord bis Nordwest. Auf dem Wasser tanzen weiße Mützen. Ich schätze die Windstärke auf vier bis fünf Beaufort. In Böen könnte es auch eine Sechs sein. Kommt nach der Ziernsee-Marter jetzt die Ellenbogensee-Tortur? Der Wind schickt sich jedenfalls nicht an nachzulassen. Egal. Oberkörper nach vorne beugen und paddeln, denn wer bei Gegenwind nicht paddelt treibt zurück oder sonst wo hin. Ein Kranichpaar überfliegt mich. An den Flügelenden fünf abgespreizte Federn; wie die Finger einer Hand …


2. Leseprobe

Wieder bekleidet radle ich nach Reimershagen. An der Dorfstraße bilden ziegelrote Siedlungshäuser ein von Gärten umgebenes Spalier. Ich sehe keinen Menschen. ROCKHOPPERs staubige Kette rasselt wie ein Klapperschlangenschwanz. Dafür schiebt mich ein kräftiger Wind vor sich her. Drei Minuten nachdem ich das Ortsschild passiert habe, verlasse ich das Dorf. Reimershagen ist Geschichte. Meine Reise nicht.

In Kirch Kogel ändert sich das Wetter. Über mir hat sich eine graue Wolke gebildet. Sie beginnt überflüssigen Ballast abzuwerfen. Was der Himmel nach unten entlässt sind fette, vereinzelte Tropfen, jeder so groß wie eine Ein-Cent-Münze. Sie sprenkeln die Straße mit einem Tupfenmuster. Ich mache mir ein Spiel daraus, zu wetten, wohin der nächste Tropfen fällt. Links oder rechts von ROCKHOPPER. Meine Trefferquote ist gering.

Kirch Kogel ist ein abseits gelegener Ort. Keine Durchgangsstraße strapaziert Mensch und Tier. Mir scheint, außer den Bewohnern, dem Pfarrer und seinen Schäflein fährt niemand in dieses Dorf. Überragt wird es von einer aus dem 13. Jahrhundert stammenden Kirche.

Hinterm Dorf zieht ein Feldweg hügelan und verschwindet im Wald. Die Wolke verfolgt mich, bis die Baumkronen schützen. Der Weg bleibt holprig. Am Wegrand liegen Stapel geschlagener Stämme. Es duftet nach Harz und Rinde. Eine Weggabelung. Der unbefestigte Untergrund weicht starrrahmenfreundlichem Asphalt. Ein langes Stück geradeaus. Menschenfrei und schweigend zieht das Sträßlein dahin, mal sanft hinauf, mal sanft hinab. Erste Häuser. Der Ort Dobbertin. Autos, ein Mensch, eine Konditorei, noch ein Mensch, ein Gasthaus. Auf der Schulstraße radle ich durchs Dorf, biege links ab in die Straße An der Mühle, sehe rechts eine große Schreinerei; da lagert viel Wald im Hof. Dann stehe ich am Eingang zum Campingplatz am Dobbertiner See.

Das Leben besteht aus Ritualen, auch das eines Radwanderers. Es beginnt was jeden Nachmittag beginnt: erwartungsvoll einchecken, Standplatz suchen, Umgebung wahrnehmen, Zelt aufstellen, einrichten. Letzteres beschränkt sich darauf die Isomatte und den Schlafsack auszurollen, den Kleiderpacksack als Kopfkissen zu platzieren und persönliche Dinge ins Zelt zu legen. Wenn ich nicht trödle, ist das in Minutenschnelle erledigt. Beim Gedanken ans Gepäckgedöns beim Faltbootfahren, kommt mir Radwandern vor wie Reisen aus der Hosentasche. Zwei Packtaschen und ein Sack fürs Zelt und man kann zwei, drei Wochen unterwegs sein. Wie ich das Ohne-viel-Zeug-Reisen genieße. (Sorry, OL FINN).

Der naturbelassene Campingplatz von Dobbertin liegt direkt am See, auf einem leicht geneigten Gelände, mit lockerem Baumbestand, Badestelle und Liegewiese. Bis ins Dorf sind es nur wenige Fußminuten. Ein begehrter Platz, vor allem bei Hundebesitzern, wie mir scheint, denn beinahe an jedem Wohnwagen, Camper oder Zelt sehe ich einen Vierbeiner. Das Verhalten der Sammys, Rockys, Lunas und Kiras unterscheidet sich kaum von dem menschlicher Naturen. Da wird geflirtet (mit dem Schwanz gewedelt), dreist gebaggert (angesprungen) oder gemeckert. Ein kleiner, heißerer Kläffer fällt durch sein ausgeprägtes territoriales Verhalten auf. Im Umkreis von zehn Metern verbellt er alles, was sich bewegt. Hunde, Männer, Fliegen. Fünf Meter hinter meinem Zelt liegt ein schwarzweißer Border Collie, alle viere von sich gestreckt, zu Füßen seiner vierköpfigen Familie. Mitten auf der Wiese: eine freiwillige Parzelle. Ein Zaun, ein Klappstuhl, ein Bierkrug auf blau-weißer Tischdecke, dazu ein Mann im weißen Unterhemd der die Bilderzeitung liest. Sein Hund, ich glaube es ist ein Boxer, bewacht den Wohnwageneingang und wirkt dabei nicht sonderlich interessiert. Aber da ist noch etwas anderes, etwas Stolzes, ja, fast arrogantes, etwas dass die Eigenheiten seines Herrn und seiner selbst zum Ausdruck bringen will. Der Hundeblick zeigt deutlich: „Mia san mia!” …


3. Leseprobe

Wer geht, bewegt sich. Wer geht, kommt voran. Wer geht ist nicht in einer virtuellen Welt gefangen, sondern spaziert durch echtes Leben. Wer geht ist an der frischen Luft. Wer geht, kann seine Gedanken ordnen. Gehen macht den Kopf frei. Wer geht, schöpft neue Energie. Sieben Gründe, die für das Gehen sprechen und darüber hinaus einen unausgesprochenen Hinweis enthalten: Man muss keine abenteuerlichen Wege beschreiten, um die Nützlichkeit des Gehens, seine Bilder, Geräusche und Gerüche zu erleben.

Erspüren kann man das Gehen am intensivsten, wenn man barfuß läuft. Noch einmal ziehe ich die Stiefel aus – und gehe fortan langsamer. Jeder Schritt ist jetzt mit einem Vorsichtsgedanken versehen, denn was auf dem Weg liegt, drückt sich in meine Fußsohlen. Und man weiß nie wie tief. Bei jedem Aufsetzen eines Fußes und der folgenden Gewichtsverlagerung frage ich mich: piekst es oder ritzt es, schneidet oder drückt es. Als Schuhläufer schützt mich keine Hornhaut. Länger als zehn Minuten halte ich das Barfußlaufen nicht durch, dann ziehe ich die Stiefel wieder an.

Den südöstlichsten Inselzipfel markierend, direkt an der polnischen Grenze und am Stettiner Haff, und damit unendlich weit entfernt von den Flanierpromenaden der Dreikaiserbäder, liegt das Dreihundert-Seelen-Fischerdorf Kamminke. Es bietet Fischgeruch, eine Fischräucherei und einen Imbisswagen, an dem man Fisch und Fischbrötchen kaufen kann.

Weil ich bis zur Abfahrt der Fähre aufs Festland noch Zeit habe, spaziere ich zum Strand. Er liegt gleich neben dem Hafen. Auf dem Weg dorthin überrascht mich das Universum erneut, mit einer Botschaft, die wortwörtlich aus heiterem Himmel kommt. Ihre Gestalt: ein etwa vierzig Zentimeter langer Fisch. Nach einem dumpfen Aufschlagsgeräusch liegt er plötzlich vor meinen Füßen. Tot, ohne Kopf und etwas zerdrückt. Im ersten Moment bin ich perplex. Dann blicke ich nach oben. Was ich sehe, ist eine Möwe, die mit lammfrommer Möwenmiene über mir kreist. Sollte sie etwa den Fisch…? Keine Möwe gibt doch freiwillig einen solchen Leckerbissen her. Ich laufe weiter, setze mich auf eine Bank und beobachte, ob der Fisch von irgendwem aufgesammelt wird. Doch niemand interessiert sich für ihn. Kamminke werde ich nicht vergessen …


Das Buch ist als Taschenbuch (Softcover) und als E-Book erhätlich:

Mecklenburg-Vorpommern
Mit Faltboot, Fahrrad und zu Fuß  |  Neu

Taschenbuch
eine S/W-Abbildung und vier Karten
230 Seiten, 12 x 19 cm
Softcover | EUR 14,91
ISBN 9789403618951

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Jürgen Otto Günther
Mecklenburg-Vorpommern
Mecklenburg-Vorpommern – im Faltboot, mit dem Fahrrad und zu Fuß. Drei Etappen. 27 Reisetage. 898 Kilometer. Ein sehr persönlicher und manchmal nachdenklicher Reisebericht, der Entschleunigung lesbar macht.
€14,91 Softcover

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E-Book
eine S/W-Abbildung und vier Karten
100 Seiten
EPUB | EUR 4,91
ISBN 9789403618951

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